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Flucht u. Vertreibung > NS-Diktatur
Größe und Tragik eines Tapferen
Stefan Appelius über den großen Sozialdemokraten Fritz Heine und die Medienbeteiligungen seiner Partei
Von Björn Engholm*
Die Medienbeteiligungen der SPD haben in letzter Zeit für Gesprächsstoff gesorgt. Während Befürworter der Beteiligungen darin ein ökonomisch kluges und rentables Investment sehen, sprechen Kritiker von undurchsichtigen Strukturen. Jetzt hat der Oldenburger Politikwissenschaftler Stefan Appelius ein Buch vorgelegt, das viele Fragen zur Geschichte dieses sozialdemokratischen Unternehmensbereichs beantwortet, aber auch einige neue Fragen aufwirft.
Es ist die politische Biographie des heute 96jährigen Sozialdemokraten Fritz Heine, der in den fünfziger Jahren als Propagandachef und später als Treuhänder des Parteivermögens zu den einflußreichsten Köpfen in der Bonner 'Baracke' zählte und um den sich bis heute viele Legenden ranken. Der gebürtige Hannoveraner spielte eine überragende Rolle im Widerstand gegen das Naziregime. Er koordinierte die Widerstandsaktivitäten der illegalen SPD und reiste auch dann noch heimlich ins Reich, als die Nazis schon lange steckbrieflich nach ihm fahndeten.
Fritz Heine war im Frühjahr 1933 mit dem SPD-Vorsitzenden Otto Wels nach Prag emigriert. Später ging er über Zwischenstationen in Paris und Lissabon nach London, um den Widerstand auch während des Krieges fortsetzen zu können. Auf dem Weg nach London hielt sich Heine 1940/41 in der südfranzösischen Hafenstadt Marseille auf. Appelius schildert sehr detailliert, wie Heine damals Hunderten deutsch-jüdischer Flüchtlinge das Leben rettete.
Nicht minder interessant ist auch das Kapitel über jenen Gestapokommissar Bruno Sattler, dessen Aufgabe darin bestand, Spitzel in den Exilparteivorstand der SPD zu schleusen. So erfahren wir die Geschichte des V-Mannes "S-9", Herbert Kriedemann, der seine Aktivitäten nach Kriegsende verbergen konnte und bis 1972 als Agrarexperte der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag saß. Und wir erfahren, dass der Gestapokommissar Sattler lebenslänglich in einem ostdeutschen Zuchthaus eingekerkert wurde, wo ihn die Stasi noch 20 Jahre nach Kriegsende für Erpressungsversuche gegen die SPD (!) einzusetzen versuchte.
Dass Appelius sich seiner Hauptfigur Fritz Heine angenähert hat, ohne dabei die kritische Distanz zu verlieren, wird vor allem im zweiten Teil seines Buches deutlich.Hier geht es um die Zeit nach dem Krieg, die propagandistische Auseinandersetzung mit den Unionsparteien, den innerparteilichen Konflikt zwischen "Traditionalisten" und "Reformern" sowie den Untergang der sozialdemokratischen Presse. Fritz Heine war ein Traditionalist Weimarer Prägung, der eine sehr offensive Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner führte. Er kreuzte mit Bundeskanzler Adenauer und Außenminister Heinrich von Brentano die Klinge und löste im Bundestag manche erregte Debatte aus, ohne dem Parlament selbst anzugehören.
Als Heine dem Bundeskanzler im Herbst 1953 in einer belgischen Zeitung unterstellte, ein autoritäres Regime errichten zu wollen, schlugen die Wellen der Empörung hoch. Die Enttäuschung über die erneute Niederlage der SPD bei der Bundestagswahl muss - so scheint es dem heutigen Beobachter - den Realitätssinn ihres Propagandachefs getrübt haben.
Schon in jener Zeit wurde die innerparteiliche Kritik an den Traditionalisten immer lauter. Im Herbst 1953 formierte sich eine Gruppe von Reformern, zu denen Willy Brandt, Helmut Schmidt und Herbert Wehner zählten. Als die SPD im Sommer 1957 bei der Bundestagswahl unterlag, wuchs der Einfluss dieser Gruppe spürbar. Nach monatelangem Gerangel wurden die Traditionalisten auf dem Stuttgarter Parteitag im Frühjahr 1958 aus dem Parteivorstand abgewählt - auch Fritz Heine musste seinen Hut nehmen. Nur Erich Ollenhauer behielt sein Amt, denn den Parteivorsitzenden zu stürzen galt - damals - als undenkbar.
Fritz Heine wurde Direktor der "Konzentration GmbH", des "Interessenverbandes sozialistischer Wirtschaftsunternehmungen", dessen Ziel die betriebswirtschaftliche Beratung der zahlreichen sozialdemokratischen Tageszeitungen und Druckereien war. Um gleich gleich mit dem weit verbreiteten Vorurteil aufzuräumen: Fritz Heine und Alfred Nau waren nicht die "Totengräber" der sozialdemokratischen Presse. Diese Entwicklung, die zum Untergang so traditionsreicher sozialdemokratischer Zeitungen wie der "Lübecker Freien Presse", des "Telegraf" und des "Hamburger Echo" führten, war sehr vielschichtig und lässt sich nicht auf das vermeintliche Versagen einzelner Personen zurückführen.
Appelius weist nach, dass die SPD in den fünfziger und sechziger Jahren beträchtliche Mittel aus dem Unternehmensbereich in ihre Parteikassen geleitet hat. Fritz Heine hat sich dabei immer als ein Diener seiner Partei verstanden, der als Direktor der "Konzentration GmbH" Gelder aus den Betrieben entnahm, um seine Partei zu unterstützen. Auf diese Weise sollen allein aus der "Hannoverschen Presse" im Zeitraum zwischen 1948 und 1966 mehr als 20 Millionen Mark in die Parteikasse geflossen sein, das der SPD in den Wahlkämpfen der sechziger Jahre sehr hilfreich war, als sie unter Willy Brandt einen Wahlerfolg nach dem anderen zu verzeichnen hatte.
Doch Appelius zeigt auch die Kehrseite dieser Entwicklung auf. Weil das Geld in den Betrieben fehlte und sie auch technisch gesehen nicht hinreichend wettbewerbsfähig waren, gerieten sie in die roten Zahlen. Nach der Rezession musste ein Betrieb nach dem anderen schließen. Am Ende betrugen die Schulden der SPD rund 265 Millionen Mark. Dass überdies die SPD-Zeitungen die gewandelten Leserpräferenzen ignorierten und gegen den Trend "ideologische Produkte" anboten, trug wesentlich zu ihrem Ende bei.
Das Buch von Stefan Appelius spiegelt die Größe und Tragik eines Mannes, den man schon deshalb nicht vergessen darf, weil seine Tapferkeit im Widerstand gegen die Nazis und seine Rolle bei der Rettung jüdischer Flüchtlinge der eines Oskar Schindler nahe kommt. Und trotzdem ist Fritz Heine gescheitert. So gescheitert, wie alle scheitern, wenn der Wandel der Welt und des Bewusstseins über sie hinweggehen.
Stefan Appelius: Heine. Die SPD und der lange Weg zur Macht. Klartext Köln, 524 S., 49,80 Mark.
*Björn Engholm war von 1988 bis 1993 Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein und von 1991 bis 1993 Bundesvorsitzender der SPD. Er lebt in Lübeck.
Dieser Beitrag wurde am 18.11.2000 in "Die Welt" veröffentlicht.
Björn Engholm






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