Stefan Appelius


Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü


Journalist im Exil

Flucht u. Vertreibung > NS-Diktatur

Journalist im Exil

Von Stefan Appelius

Er war Redakteur bei zahlreichen sozialdemokratischen Zeitungen, unter den Nazis musste er nach Amerika flüchten. Heute schreibt er im Alter von 90 Jahren für die deutsch-jüdische Wochenzeitung "Aufbau" in New York: Will Schaber.

Das Wasser des Hudson-River glitzert träge in der Sonne. Vom fünften Stockwerk reicht der Blick bis weit ans andere Ufer. Es ist still und friedlich in der geräumigen Wohnung - so ganz untypisch für die hektische Millionenstadt New York. An den Wänden stehen hohe Bücherregale. Wir sind in einem Appartementhaus im Stadtteil Washington Heights. Hier, ganz im Norden von Manhattan, lebten einst tausende deutscher Emigranten. Früher wurde das Viertel deshalb "Viertes Reich" genannt. Heute bestimmen längst puertoricanische und dominikanische Einwanderer das Straßenleben. Der Journalist und Schriftsteller Will Schaber (90) mit seiner gleichaltrigen Frau Gerda gehören zu den letzten deutschsprachigen Einwanderern in diesem Teil der Stadt. Schaber war einst Theaterkritiker und Gerichtsreporter beim "Vorwärts" in Berlin.

1929 war der Schwabe vom "Neckar-Echo" in Heilbronn zum "Sozialdemokratischen Pressedienst" an den Berliner Belle-Alliance-Platz gewechselt. Damals stritt man in der SPD um den Bau des Panzerkreuzers "A". Befürworter und Gegner standen sich unversöhnlich gegenüber. Will Schaber war ein überzeugter Pazifist und lehnte den Bau des Kriegsschiffes entschieden ab. Das brachte den Nachrichtenredakteur allerdings sehr schnell in die Bredouille. Nachdem er einen Bericht über eine Rede des Reichstagsabgeordneten und Panzerkreuzergegners Paul Levi ("Der bedeutendste Intellektuelle der damaligen SPD, ein großartiger Mensch!") schrieb, kam es zum Eklat: "Wir sind der Dienst für die Mehrheit der Partei, nicht für die Minderheit", ließ man ihn wissen. Schaber kündigte und ging stattdessen zum "Vorwärts". Es war nur ein kurzes Zwischenspiel: Als sich wenig später eine Stelle als politischer Redakteur beim sozialdemokratischen "Saalfelder Volksblatt" anbot, griff Schaber zu. Mit spitzer Feder attackierte er den immer stärker werdenden Nationalsozialismus. Nachdem er den thüringischen Nazi-Kultusminister Wilhelm Frick, der rücksichtslos Bücher, Theaterstücke und Filme ( "Im Westen nichts Neues") verbot, als "kleinen Wicht mit Gendarmen-Horizont" beschrieb, wurde seine Zeitung prompt verboten. Es kam zum Prozess. Schaber wurde wegen Beleidigung zu einer geringfügigen Geldstrafe verurteilt. Zwar ging er als moralischer Sieger vom Platz, doch seine Zeitung hatte zahlreiche Inserate verloren: "Das war gerade das Weihnachtsgeschäft, das konnte der Verleger gar nicht verwinden."

Will Schaber und viele andere unzufriedene Linke in der SPD - unter ihnen nicht zuletzt Willy Brandt - wurden im Oktober 1931 Mitglied der neugegründeten "Sozialistischen Arbeiterpartei" (SAP). Schaber ging als Redakteur der "Sozialistischen Arbeiterzeitung" zurück nach Berlin. Heute hält er das alles für einen Fehler, aber damals sahen die Dinge anders aus: "Wir waren alle jung und haben gesagt: Prinzip ist Prinzip." Schon nach ein paar Monaten war die "Sozialistische Arbeiterzeitung" pleite. Die neue Partei ("Es war ein Fiasko") fand keinen Zuspruch bei den Menschen: "Wahrscheinlich war es ein Fehler, dass wir die Partei gegründet haben. Wir hätten in der SPD bleiben und für unsere Ziele innerhalb der Partei energisch weiterarbeiten sollen."

Wie hätte die Gefahr des Nationalsozialismus denn damals abgewandt werden können? "Wir hätten mit den republikanischen Parteien zusammengehen und ein großes Bündnis schließen müssen. Eine Art politisches Moratorium für die Zeit der Hitler-Gefahr. Wir hätten unsere Parteiangelegenheiten damals vergessen müssen - einig gegen Hitler. Und das haben wir nicht getan." Nur wenige Intellektuelle, wie Carl von Ossietzky, hätten diese Notwendigkeit damals erkannt. Insofern trifft auch die SPD eine Mitschuld am Untergang der Weimarer Republik, da ist sich Schaber ganz sicher.

Will Schaber verbringt den Winter mit seiner Frau gern im sonnigen Florida. Ein "Snowbird", wie man hier sagt. Das Laufen bereitet ihm in letzter Zeit Probleme, sonst aber geht es dem Ehepaar - das untereinander Englisch mit unverkennbar deutschem Akzent spricht - gut. Die schlechte Versorgung alter Menschen in den Vereinigten Staaten allerdings macht ihnen Sorge. "Es ist ein Land für junge Menschen", sagt Gerda Schaber.

Seit Ende 1938 lebt Will Schaber in den USA. 1933 hatten ihn die Nazis in "Schutzhaft" genommen. Er wurde erst entlassen, als er die Polizei davon überzeugen konnte, dass er als Bienenzüchter nach Estland gehen werde. Vor der Entlassung unterschrieb er ein Revers, im Ausland nicht mehr politisch tätig sein zu wollen. Natürlich hat er mit der Politik nicht gebrochen: "Ich habe gegen den Nazismus gearbeitet, ohne einer Partei verpflichtet zu sein", erzählt Schaber. Es waren harte Jahre nach seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten. Schaber hielt sich mit Artikeln für zwei sozialdemokratische Zeitungen in der Schweiz nur mühsam über Wasser. Schließlich fand er doch einen Job beim "British Information Service". Amerika schenkt einem nichts, musste auch er erfahren.

Damals begann seine Mitarbeit beim " Aufbau", jener traditionsreichen, noch heute erscheinenden deutsch-jüdischen Wochenzeitung. Das Blatt ist in letzter Zeit zunehmend in die Krise geraten. Vor etlichen Jahren war er selbst Redakteur beim "Aufbau". Bis 1973. Seitdem schreibt er noch immer regelmäßig, Nummer für Nummer. Doch die Zahl der Leser schrumpft bedenklich. Die Zeitung verliert einen Abonnenten nach dem anderen - die Kinder der Emigranten sprechen kein Deutsch mehr. Gibt es eine Zukunft für den "Aufbau"? Schaber ist sich nicht sicher: "Die Mission des 'Aufbau' ist im Grunde erfüllt. Es gäbe ein neues Programm für den 'Aufbau'. Wir denken vor allem daran, dass ein großer deutsch-jüdischer Dialog geführt werden müsste. Aber die Frage ist: Will man daran gehen? Und daran zweifle ich. Aber wer bin ich als Nicht-Jude, das zu entscheiden...", sagt er nachdenklich. Eines Tages, so glaubt er, wird kein Geld mehr da sein: "Und dann hört der 'Aufbau' eben auf."

Schaber ist seit 1949 amerikanischer Staatsbürger, aber Deutschland bleibt für ihn erklärtermaßen "immer entscheidend". Hätte es nach Kriegsende ein attraktives Angebot für ihn gegeben - er wäre zurückgegangen. Aber das blieb aus. So ist seine Heimat "Heilbronn und New York" geworden. Was denkt er über die Bundesrepublik? Sind die rechtsextremistischen Gewalttaten Vorzeichen eines wiederentstehenden Nazismus? Schaber glaubt das nicht: "Mein Vater hat als 43jähriger zum ersten Mal Stuttgart gesehen, was von Heilbronn 50 Kilometer entfernt ist. Heute kennen die Deutschen die Welt. Das ist ein großer Unterschied."

Dieser Beitrag wurde im Juli 1996 im "Vowärts" veröffentlicht. Es ist das letzte Porträt über Will Schaber, der am 5. Juli 1996 in New York starb.

Will Schaber

Home | CV | Kontakt | Lehrtätigkeit | Flucht u. Vertreibung | Visual History | Zeitgeschichte(n) | Sitemap


Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü