Hauptmenü
Zeitgeschichte(n) > USA
Ein unverdrossener Kämpfer für soziale Reformen
Von Stefan Appelius
Mehr als einmal haben bezahlte Killer in früheren Zeiten Anschläge auf sein Leben verübt. Ohne Victor G. Reuther und seinen 1970 verstorbenen Bruder Walter hätte es den mächtigen Gewerkschaftsdachverband "American Federation of Labor and Congress of Industrial Organizations" (AfL-CIO) in der heutigen Form nicht gegeben.
Hinter einem Schutzgitter fast direkt am Straßenrand des Broadway in der New Yorker Upper West Side stehen ein Dutzend Männer und Frauen, durchweg Lateinamerikaner. Zwei Cops beobachten das Geschehen: Die Männer und Frauen lehnen sich an das Gatter, halten Schilder mit Parolen und verteilen Handzettel, um darauf aufmerksam zu machen, dass die hier befindliche Filiale einer Supermarktkette von ihnen bestreikt wird. Einige Monate zuvor hatte das Unternehmen drei Arbeiter, die kurz zuvor Mitglied der Gewerkschaft geworden waren, ohne viel Federlesens gefeuert. Viele Lateinamerikaner müssen in der amerikanischen Nahrungsmittelindustrie 66 bis 80 Stunden pro Woche arbeiten. Dabei ist ihre Bezahlung so schlecht, dass es kaum zum Überleben reicht. Doch das scheint niemand zu interessieren. Für Gewerkschafter in den USA herrschen seit jeher rauhe Sitten.
Das kann Victor G. Reuther, der große alte Mann der Arbeiterbewegung in den Vereinigten Staaten, nur bestätigen. Mehr als einmal haben bezahlte Killer in früheren Zeiten Anschläge auf sein Leben verübt. Der Sohn eines deutschen Einwanderers aus Schwaben wurde am 1. Januar 1912 in Wheeling, einer Industriestadt in West-Virginia geboren. Sein Bruder Walter P. Reuther war der legendäre Präsident der Automobilarbeitergewerkschaft "United Auto Workers" (UAW). Noch immer hat Victor Reuther enge Familienbande nach Deutschland, oft hat er seine Verwandtschaft in der Nähe von Stuttgart besucht.
Im Februar 1933 waren Walter und er für mehrere Monate zu Besuch in Deutschland und erlebten die Machtergreifung der Nazis mit eigenen Augen. Walter war damals als Automobilarbeiter bei Ford in Detroit beschäftigt, und Victor hatte gerade sein Jura-Studium beendet: "Am 1. März waren wir in Berlin und sahen dort die schwelenden Überreste des alten Parlaments, umstellt von bewaffneten Posten. Der ganze Mittelteil war völlig ausgebrannt und die große Glaskuppel eingestürzt. Wir waren unter den ersten, die hineingehen durften. Ein Fremdenführer in braunem Hemd führte uns in einen Raum, der vorher den kommunistischen Abgeordneten als Büro gedient hatte. Mit dramatischer Gebärde nahm er mehrere Bücher aus einem Regal, und schlug sie auf, um uns die Revolver zu zeigen, die darin versteckt waren."
In diesem Augenblick haben die beiden jungen Gewerkschafter den Entschluß ihres Vaters, in die USA auszuwandern, als sehr wohltuend empfunden, denn: "Selbst in den entlegensten Dörfern Deutschlands war es gefährlich geworden, irgendwelche Kritik zu üben." Beide waren, wie ihr Vater, überzeugte Sozialisten und hätten das Land jetzt ohnehin verlassen.
Heute lebt Victor Reuther in Washington D.C., von wo aus er das Wirken des einst mächtigen amerikanischen Gewerkschaftsdachverbandes "American Federation of Labor and Congress od Industrial Organizations" (AfL-CIO) aus nächster Nähe verfolgen kann. Die Organisation würde es ohne ihn und seinen Bruder Walter in der heutigen Form nämlich nicht geben. Damals, Mitte der 30er Jahre, als Reuthers Gewerkschaftskarriere begann, hatten die Arbeitgeber in der amerikanischen Automobilindustrie ein gut funktionierendes Spitzel-System. Sobald ein Arbeiter seinen Aufnahmeantrag in der Gewerkschaft unterzeichnet hatte, flog er kurzerhand raus: "Mein älterer Bruder Roy sprach damals mit Harry Coen, dem späteren Vizepräsidenten von General Motors", erzählt Victor Reuther. "'Wie kommt es', fragte Roy, 'wenn Sie Freimaurer sind, dass es dann in Ordnung ist, ein Abzeichen zu tragen, aber wenn Sie eine Anstecknadel der Gewerkschaften tragen, fliegen Sie raus?' 'Sie haben verdammt recht', erwiderte Coen, 'Doch was wollen Sie nun tun?'" Häufig genug konnte die Gewerkschaft gar nichts tun. Am nächsten Morgen fand der Betreffende seinen Entlassungszettel im Zeitkartenkasten.
Und wo die Peitsche nicht wirkte, lockte das Zuckerbrot: Traten die Arbeiter freiwillig wieder aus der Gewerkschaft aus, zeigten sich die Arbeitgeber schon mal freigiebig: "Die Firmenleitung drohte immer wieder mit dem Abbruch der Verhandlungen, während die Vorarbeiter durch die Hallen gingen und versuchten, so viele Leute wie möglich buchstäblich zu kaufen, indem sie ihnen persönliche Lohnerhöhungen als Gegenleistung für die Aufgabe ihrer Gewerkschaftszugehörigkeit anboten." Und trotzdem verzeichnete die Automobilarbeitergewerkschaft einen starken Zulauf: "Es war nicht so sehr unsere Redekunst, die die Arbeiter in Bewegung brachte", erzählt Reuther, "es lag vielmehr an der menschenunwürdigen Behandlung durch die Unternehmer."
General Motors, das damals reichste und mächtigste Unternehmen der Welt, bezahlte ein Heer von Pinkerton-Detektiven, um das Entstehen einer organisierten Interessenvertretung der im Betrieb beschäftigten Arbeitnehmer zu verhindern, und auch Henry Ford war in der Wahl der Mittel zur Bekämpfung der Gewerkschaften nicht zimperlich: "Der Bürgermeister, der Polizeichef, die Geistlichkeit, die Zeitungen und selbst die Richter standen unter der Fuchtel von General Motors." Rund fünftausend bewaffnete Männer waren Anfang der 40er Jahre im "Ford Service Department" beschäftigt, deren Leitung ein ursprünglich als Leibwächter für Fords Kinder angeheuerter Sicherheitsexperte namens Bennett übernahm. Aber auch der Ku-Klux-Klan war im Kampf gegen die UAW mobilisiert, und eine gewerkschaftsfeindliche "Bürgerliga für Arbeitsplatzsicherheit" konstituiert. Sie alle hatten in jenen Tagen vor allem ein Ziel: Die Verhinderung der Entstehung von Gewerkschaften.
"Das Ford Service Department war eine Privatarmee aus Raubmördern und Gangstern", sagt Reuther auf Schwäbisch mit stark amerikanischem Akzent: "Zur gleichen Zeit stellte sich Ford selbst als Verteidiger der Unterdrückten dar, als der Mann, der höhere Löhne anstrebte, trotz der Opposition der Finanzkreise der Wall Street. Henry Ford war nicht an den Arbeitsbedingungen am Fließband oder an den verbrecherischen Umtriebe der Häscher von Bennetts Truppe interessiert." Wo doch einmal ein Verhandlungsergebnis erzielt wurde, pflegten sich die Arbeitgeber nicht an die getroffenen Vereinbarungen zu halten. "General Motors ist nicht bereit zu Vertragsvereinbarungen mit einer anderen Organisation, die sich in legitime Zuständigkeitsbereiche einmischt", erklärte der Personalchef des Unternehmens damals einem Gewerkschaftsfunktionär. Die Rechtsprechung war ohnehin auf Seiten der Unternehmer: In den 30er Jahren hielten amerikanische Gerichte schon mal selbst friedliche Streikposten für illegal. Bahnte sich ein Arbeitskampf an, versuchte man nicht selten die Gewerkschafter einfach aus der Stadt zu jagen. Reuther selbst erlebte, wie 300 mit Heugabeln und Schrotflinten bewaffnete Männer eine Gewerkschaftsversammlung stürmten: Wie betäubt lief ich durch die Straßen und sah die scheibenlosen Fenster des Gewerkschaftsbüros und die Trümmer auf der Straße", erzählt Reuther. Nicht selten wurden er und seine Mitstreiter verprügelt, während die Polizei ebenso wie der zuständige Gouverneur tatenlos zusah. Kam es dann aber doch zum Streik, wählten die Arbeitgeber rigide Methoden, um die aufständischen Arbeiter zu disziplinieren: Da wurde im Winter bei eisigen Temperaturen die Heizung in den bestreikten Gebäuden abgedreht und zu Essen erhielten die "Solidarity forever" singenden Streikposten erst recht nicht, dafür sorgte schon die Werkpolizei.
Gute Nerven waren in einem solchen Konflikt unerläßlich, denn die amerikanische Polizei setzte harte Bandagen ein, um Arbeitskämpfe zu beenden. Ihr Repertoire reichte von Tränengasbomben bis zum Schußwaffengebrauch. "Plötzlich sah ich ein doppelläufiges Gewehr, das unmittelbar auf mich gerichtet war." Dass auch die amerikanischen Gewerkschaften in der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich sein konnten, versteht sich von selbst. Auch streikende Arbeiter hatten damals in den USA ihr Gewehr schnell bei der Hand. Wenn Henry Ford wieder einmal das Fließband auf höhere Touren schalten ließ, dauerte es nicht lange, bis der Ruf "Strek! Streik!" durch die Fabrikhallen seines Unternehmens ertönte.
Nachdem Victor Reuther im Frühjahr 1948 einen Attentatsversuch überlebte und danach miterleben musste, dass die Gangster vor Gericht freigesprochen wurden, kaufte er sich einen Revolver: "Um mich und meine Familie zu schützen." Das allerdings nützte nicht viel: Am Abend des 24. Mai 1949, Reuther hatte mit seiner Frau und einem befreundeten Arzt in seiner Wohnung zu Abend gegessen und las gerade einen Artikel in der "New York Times", während seine Frau neben ihm nähte, krachte ein Schuss durch die Wohnzimmerscheibe seines Hauses: "Ich stand taumelnd auf und hatte das Gefühl, einen elektrischen Schlag von gewaltiger Spannung erlitten zu haben, mein ganzes Nervensystem schien betroffen. Ich empfand in diesem Augenblick keinen Schmerz, nur Erstarren. Ich kriegte keine Luft und wußte, dass ich erstickte. Ich sah mein ganzes Leben vor mir ablaufen und wusste, dass es noch zu früh war zum Sterben."
Ein Attentäter hatte mit einem Jagdgewehr auf den prominenten Gewerkschafter gefeuert. Reuther wurde mit schwersten Verletzungen in ein Hospital eingeliefert. Monatelang musste er dort bleiben. Ein Auge hat er bei dem Mordanschlag verloren. Der Gangster wurde nie gefasst, doch Reuther hat keinen Zweifel, auf wessen Konto der Mordanschlag ging: "Die großen Firmen hatten so viel Macht und waren so arrogant", sagt er und schüttelt sich angewidert: "So war es hier in Amerika." Sein Haus wurde damals in eine Festung verwandelt, und ohne Leibwächter ging er wegen andauernder Morddrohungen fortan nicht mehr auf die Straße.
Doch trotz rabiater Umgangsformen ihrer Verhandlungspartner gelang es seinem Bruder Walter Reuther, die Arbeitgeber dort zu treffen, wo sie am empfindlichsten sind: Am "Geldbeutel-Nerv". Jeder Teilerfolg brachte Verbesserungen für die Arbeitnehmer mit sich. Zugleich wurde die UAW innerhalb kürzester Zeit zu einer mächtigen Organisation, deren rasanter Mitgliederanstieg auch andere Gewerkschaften mit sich zog. "Union and Reuther are one and inseparable" hieß es damals respektvoll in den USA. Allein von 1932 bis 1942 stieg die Zahl der Gewerkschafter in den USA von drei auf zehn Millionen. Und die stärkste Gewerkschaft von allen war die UAW. Mitte der 50er Jahre war der Gipfel dieser Entwicklung erreicht. Rund 35 Prozent der amerikanischen Arbeitnehmer waren in der AfL-CIO gewerkschaftlich organisiert.
"Wir wollten sozialen Wandel durch gewaltfreie Mittel erreichen", sagt Reuther und erklärt, dass er als Gewerkschafter stets seine Verantwortung der Gemeinschaft als Ganzes gegenüber empfunden habe: "Deshalb haben wir es bei unserer Forderung nach höheren Löhnen bewusst vermieden, die Industrie an den Rand des Ruins zu bringen." Sprichts und schaut ein bißchen wehmütig aus dem Fenster seines Hauses in Richtung des Washingtoner Stadtzentrums. Denn das, was er damals mit aufgebaut hat, ist heute wenig mehr als ein Schatten früherer Zeiten.
1951 ging Victor Reuther als Leiter des Europa-Büros der CIO nach Paris, von wo aus er sich für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund und der deutschen Sozialdemokratie einsetzte. Seinem Bruder Walter, der 1946 zum Präsidenten der UAW gewählt worden war, prophezeite der amerikanische Historiker Arthur Schlesinger damals, er werde schon bald "einer der mächtigsten Männer in der amerikanischen Politik" sein. Doch dazu kam es nicht: Nachdem AfL und CIO sich zusammenschlossen, unterlag Walter Reuther, der 1952 die Präsidentschaft der CIO übernommen hatte, dem AfL-Vorsitzenden George Meany als Kandidat um den Vorsitz des neuen Gesamtverbandes. Das war ein bitterer Rückschlag im Leben des Walter Reuther, hatte er doch an dem historischen Zusammenschluß maßgeblichen Anteil: "Er war ein Führer unter den Massen, aber kein Führer von Führern. Er war nicht in der Lage, seine unumstrittene Autorität in die Praxis umzusetzen", erinnert sich der deutsch-amerikanische Gewerkschaftspionier Helmut Kern. Niemand anders als der gelernte Klempner Meany war es übrigens, der damals dafür sorgte, dass Victor Reuther seine Aufgabe in Paris verlor und in die Staaten zurückkehren musste.
Inzwischen begann man in der amerikanischen Automobilindustrie die Folgen der wachsenden Technisierung zu spüren. Anfang der 50er Jahre führte Henry Ford II Walter Reuther durch eine hochmoderne Motorblockfabrik in Cleveland, die zahlreiche Arbeitsplätze wegrationalisierte: Nun, Mister Reuther, von wem wollen Sie in Zukunft Ihre Beiträge kassieren?" fragte ihn der Automobilmagnat. "Und an wen wollen Sie in Zukunft Ihre Autos verkaufen, wenn Sie die Arbeiter und Angestellten rücksichtslos auf die Straße setzen?" entgegnete Reuther. Er erkannte damals sehr genau, dass ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel bevorstand: "Es ist klüger, sich an die Begleiterscheinungen der neuen Revolution des Atom- und Elektronenzeitalters zu gewöhnen als einen erbitterten und vergeblichen Kampf dagegen zu führen", lautete seine damalige Devise. Schon Ende der 50er Jahre ging es mit der Mitgliederzahl der amerikanischen Gewerkschaften wieder merkbar bergab. Und dieser Trend hat bis heute angehalten: Außerhalb des Öffentlichen Dienstes ist heute nur noch jeder zehnte Arbeitnehmer in den USA gewerkschaftlich organisiert, während es in den 50er Jahren noch jeder Dritte war. Viele Jahre konzentrierte man sich nämlich in der Washingtoner AfL-CIO-Zentrale darauf, den Kommunismus in fernen Ländern mit großzügiger Unterstützung amerikanischer Regierungsstellen zu bekämpfen. Schon 1965 hat Victor Reuther diese merkwürdige Allianz in den amerikanischen Medien aufgedeckt. Seine eigene Gewerkschaft, die UAW, ist daraufhin 1968 aus der AfL-CIO ausgetreten, UAW-Präsident Walter Reuther warf dem AfL-CIO-Präsident George Meany damals Selbstzufriedenheit und Festhalten am Status quo vor. "Wie kann man einen Einfluss haben, wenn man von der eigenen Regierung bezahlt wird?", fragt Victor Reuther verbittert. Um die Interessen der Arbeitnehmer im eigenen Lande kümmerte sich die AfL-CIO damals nicht. Statt dessen herrschten Korruption und Vetternwirtschaft in der Gewerkschaft, Spitzenfunktionäre bereicherten sich auf Kosten der einfachen Mitglieder und genehmigten sich schon mal Gehälter von bis zu 400.000 Dollar im Jahr.
"Jetzt haben wir Gott sei Dank neue Leute dort, die ganz öffentlich gesagt haben, dass sie keinen Cent mehr von der Regierung nehmen", sagt Reuther, dessen Verhältnis zur amerikanischen Gewerkschaftsführung in jener Zeit sehr gelitten hat. Als Mitbegründer der in den 80er Jahren entstandenen Oppositionsgruppe "New Directions Movement" wurde er von der UAW-Führung viele Jahre demostrativ geschnitten. Jetzt ist er stolz darauf, mit zum Zustandekommen des Kurswechsels in der AfL-CIO beigetragen zu haben, die seit 1995 unter der Leitung von John J. Sweeney steht, der als ein überzeugter Reformer gilt.
Rückblende: 1970 ist Walter P. Reuther bei Pellston (Michigan) tödlich verunglückt: Sein Flugzeug zerschellte im dichten Nebel, kurz nachdem er eine Erklärung gegen die US-amerikanische Invasion in Kambodscha veröffentlicht hatte. Viele seiner Freunde glauben noch heute, dass der UAW-Präsident und seine Frau einem Mordanschlag zum Opfer gefallen sind, denn der zweistrahlige gewerkschaftseigene Lear-Jet war nicht das erste Mal defekt, erfahren wir von Reuthers Neffen Jürgen Hermann: "Ein Jahr vorher musste das Flugzeug mit Walter und Victor an Bord schon einmal notlanden. Da war auch etwas mit dem Höhenmesser nicht in Ordnung."
Fiel der "Saubermann der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung" ("Time"), der mit korrupten Opportunisten in seiner Organisation nichts zu tun haben wollte und der sich nicht nur in der Frage der Bürgerrechte und der Beurteilung des Engagements der Amerikaner in Vietnam stets links von der offiziellen Gewerkschaftslinie fand, wohlmöglich ebenso wie Robert F. Kennedy und Martin Luther King einem Anschlag zum Opfer? Die Antwort darauf hat der langjährige FBI-Direktor J. Edgar Hoover mit ins Grab genommen, davon ist der in Troisdorf bei Bonn lebende Journalist Jürgen Hermann fest überzeugt. Auch in Deutschland beklagte man damals den Tod des amerikanischen Gewerkschaftsführers, der mit Willy Brandt befreundet war, und von Konrad Adenauer das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband erhalten hatte.
Auf einem Regal in Reuthers Haus steht ein gerahmtes Bild, dass ihn und seine kürzlich verstorbene Frau mit Bill und Hillary Clinton im Weißen Haus zeigt und das mit einer persönlichen Widmung des Präsidenten für den altgedienten Gewerkschafter verziert ist. Reuthers Begeisterung für Clintons Politik hält sich trotzdem in Grenzen, denn er sieht in den Gewerkschaften genau wie sein Bruder Walther nicht nur eine "Tarifmaschine", sondern den Motor für gesellschaftliche Reformen. Schon immer ging es ihm darum, die amerikanische Arbeiterbewegung auf den breiten Weg einer Einflußnahme auf die Gestaltung aller sozialer Fragen zu führen. Von solchen Reformen aber ist man in den USA angesichts leerer Staatskassen heute ebenso weit entfernt wie in Deutschland.
Victor Reuther hat sich nach dem Tod seines Bruders 1971 aus der Gewerkschaftsarbeit zurückgezogen, um seine Memoiren zu schreiben. Doch aufs Altenteil will der heute 85jährige noch lange nicht. Mehr als einmal hat ihn der frischgebackene UAW-Präsident Stephen P. Yokich schon um Rat gefragt. Und das man auf den "Alten" wieder hört, scheint Reuther ein gutes Zeichen zu sein. Erst kürzlich hat er ein neues Buch abgeschlossen. Wenn die Gesundheit es zuläßt, wird ihn die nächste Reise nach Deutschland, ins "Schwabenländle", aber auch in die neuen Bundesländer führen. Davon, dass die amerikanischen Gewerkschaften ein Comeback erleben werden, ist er jedenfalls überzeugt, wenn auch anders, als einst unter der Aegide der Reuther-Brothers.
Dieser Beitrag wurde am 23. November 1997 im "Tagesspiegel" (Berlin) veröffentlicht. Victor G. Reuther starb am 3. Juni 2004 in Washington D.C. 1989 erschien im "Bund-Verlag" (Köln) sein Buch: "Die Brüder Reuther. Eine Autobiographie sowie die Geschichte der amerikanischen Automobilarbeitergewerkschaft UAW", 556 Seiten.
Victor Reuther