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Zeitgeschichte(n) > Monarchie
Über das Wesen des Unterrichts
Von Wilhelm Appelius*
Die Schule hat in erster Linie wohl den Zweck, den jungen Geist zum Lernen zu erziehen und ihn allgemein zu bilden, nicht aber ihm Fachkenntnisse zu geben. Hier, beim naturwissenschaftlichen Unterricht ist weise Beschränkung und innige Durchdringung des Stoffes durchaus notwendig, hier gilt besonders: non multa, sed multum [= nicht vielerlei treiben, sondern eine Sache intensiv und genau].
Dabei schätze ich den naturwissenschaftlichen Unterricht sehr hoch als Erziehungsmittel, aber auch die Mathematik. Der naturwissenschaftliche Unterricht öffnet die Augen für unsere Umgebung, die Mathematik mit ihrer unerbittlichen Folgerichtigkeit leitet nur besonders zu klarem Denken an, aber das richtig geleitete Studium von Sprachen, Literatur und bildender Kunst lehrt uns nicht weniger als ein guter Religionsunterricht die Menschenseele kennen, besser vielleicht als experimentelle Physikologie usw.
Es kommt wohl, allgemein gesagt, weit weniger darauf an, was gelehrt wird, sondern ganz besonders wie es gelehrt wird. Die Persönlichkeit des Lehrers ist von ausschlaggebender Bedeutung.
Ein begnadeter Lehrer wird in knapper Zeit in eng begrenztem Rahmen Großes leisten und auf seine Schüler für ihr ganzes Leben Einfluss ausüben, dagegen ein langweiliger Lehrer selbst den interessantesten Stoff seinen Schülern verekeln. Dabei darf nicht übersehen werden, dass es in den fortschreitenden Naturwissenschaften weit schwerer ist ein wirklich guter Lehrer zu sein als in dem durch die Erfahrungen von Jahrhunderten methodisch viel eingehender ausgearbeiteten Sprachunterricht.
*Auszug aus einem handschriftlichen Aufsatz von Gewerbeoberstudienrat Wilhelm Appelius, verfasst am 26. Januar 1916.
Wilhelm Appelius wurde am 4. Januar 1869 in Markowitz (Kreis Strelno, Provinz Posen) als Sohn des Königlich Preußischen Polizei-Distriktkommissars Rudolf Appelius und seiner Frau Klara Rubin geboren. Er wuchs mit seinem jüngeren Bruder Georg Appelius (1870 - 1896) in Louisenfelde (Kreis Inowrazlaw, Provinz Posen) auf. Wilhelm Appelius studierte an der Universität Kiel Pharmazie, Chemie und Naturwissenschaften. Nach seiner Staatsprüfung (1895) arbeitete er zunächst als bakteriologischer Assistent von Professor Dr. Eduard Buchner in Kiel, danach bis Ende 1896 als Assistent am Hygienischen Institut der Universität Kiel unter Prof. Dr. Fischer und anschließend - bis zum 15. Januar 1899 - als Assistent am Nahrungsmitteluntersuchungsamt der Provinz Schleswig-Holstein in Kiel. 1899 wechselte Wilhelm Appelius als Stellvertreter des Vorstandes der Deutschen Versuchsanstalt für Lederindustrie nach Freiberg in Sachsen. 1906 wurde er als Chemiker und Lehrer an die Deutsche Gerberschule in Freiberg berufen, an der bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand im April 1934 beschäftigt blieb und mehrere tausend Schüler unterrichtete. Wilhelm Appelius ("Das Leben ist kein Scherz und kein Spiel, ist auch kein Genuß. Das Leben ist nur schwere Arbeit, Entsagung, beständige Entsagung, das ist sein geheimer Sinn, sein Rätselwort. Bestrebe Dich danach zu leben. Es ist nicht so leicht, wie man glaubt") starb am 12. Februar 1944 in Freiberg (Sachsen).
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